„Wiktoria“ von Mascha Lind
„Eine scheinbar gewöhnliche Lebensgeschichte wird zu einem bewegenden Zeugnis des 20. Jahrhunderts. Wiktoria erinnert daran, dass Menschlichkeit selbst die dunkelsten Zeiten überdauern kann.
von Anastasia Moiseeva
Auf der Leinwand erzählt eine grauhaarige ältere Dame ihre Lebensgeschichte. Eine auf den ersten Blick fast gewöhnliche Biografie, die sich unter den außergewöhnlichen Bedingungen des 20. Jahrhunderts entfaltet.
Die Historikerin Wiktoria Śliwowska, eine der bedeutendsten Spezialistinnen für die russische und polnische Geschichte des 19. Jahrhunderts, wurde 1931 in Warschau in eine jüdische Familie geboren. Zunächst wollen die einzelnen Puzzleteile ihrer Erzählung nicht so recht zusammenpassen: Auf der Leinwand sieht man eine Frau, deren Augen Freundlichkeit, Gelassenheit und tiefes Vertrauen ins Leben ausstrahlen. Gleichzeitig berichtet sie von einer Kindheit, die von Verfolgung, Verlust und Angst geprägt war.
„Alle Menschen sind Feinde“ – dieser Satz wurde ihr schon als Kind eingeprägt. Das Leben scheint diese bittere Erkenntnis immer wieder zu bestätigen. Die Mutter wird beinahe vor ihren Augen von den Nazis ermordet, über das Schicksal ihres Vaters weiß sie lange Zeit nichts, und sie selbst muss unter einem falschen Namen leben, um zu überleben.
Umso faszinierender ist es, dass ihre Erinnerungen trotz all dieser Schrecken nicht von Hass oder Verbitterung geprägt sind. Immer wieder tauchen kleine, helle Momente auf: die vielen Bücher in der elterlichen Wohnung, ein Eis mit dem Vater im Café oder andere flüchtige Erinnerungen an Geborgenheit.
Der 18-minütige Dokumentarfilm basiert auf einer Idee von Valeria Pitchougina, die ihn zugleich als Erzählerin begleitet. Regisseurin Mascha Lind, die auch Kamera und Schnitt verantwortet, verbindet Wiktorias ruhige Erzählung mit fein eingesetzten Animationen, historischem Archivmaterial und Fotografien aus der jeweiligen Zeit. Vergangenheit und Gegenwart gehen dabei beinahe unmerklich ineinander über. Die historischen Dokumente verankern die Geschichte im Zeitgeschehen, während die Illustrationen von Agata Mianowska (Yellow Tapir) den Erinnerungen eine poetische Leichtigkeit verleihen. Dadurch entsteht ein Film, der zugleich ein historisches Dokument und eine sehr persönliche Erinnerung ist.
Der Film begleitet Wiktoria weiter durch ihr Studium in der Sowjetunion, ihre erste und lebenslange Liebe, die ideologische Indoktrination des kommunistischen Systems sowie durch eine Gesellschaft, die von Misstrauen und permanenter Überwachung geprägt war. Dabei verliert er nie seinen Fokus: Nicht die großen historischen Ereignisse stehen im Mittelpunkt, sondern der Mensch, der sie erlebt hat.
Einerseits erzählt der Film eine Geschichte, die stellvertretend für Millionen Menschen des 20. Jahrhunderts stehen könnte. Andererseits macht gerade Wiktorias Haltung diese Geschichte einzigartig. Zwischen dem Satz „Alle Menschen sind Feinde“ zu Beginn und ihrer Erkenntnis am Ende – „Wenn du selbst in den schlimmsten Zeiten Menschen um dich hast, die das Beste für dich wollen, dann ist das das größte Glück.“ – spannt sich der eigentliche rote Faden des Films. Er zeigt, dass selbst in den dunkelsten Zeiten Menschlichkeit nicht verschwindet. Es gibt immer Menschen, die bereit sind zu helfen, zu schützen und zu lieben. Vielleicht sind es genau diese Beziehungen, die einem Leben seinen eigentlichen Wert verleihen.
Mich hat dieser Film tief berührt. Er erzählt nicht nur von den Schrecken des vergangenen Jahrhunderts, sondern auch von der erstaunlichen Fähigkeit des Menschen, trotz allem Vertrauen zu bewahren. Während des Films musste ich mehr als einmal mit den Tränen kämpfen. Unweigerlich dachte ich dabei an mein eigenes Leben: Auch mein Weg wäre ohne die Menschen, die mich in schwierigen Momenten begleitet, unterstützt und an mich geglaubt haben, ein anderer geworden. Gerade darin liegt für mich die größte Stärke dieses Films. Er erzählt die Geschichte einer einzelnen Frau und erinnert gleichzeitig jeden Zuschauer an die Menschen, die das eigene Leben geprägt haben.