„Zwei Staatsanwälte“ von Sergei Loznitsa

„Und der Sinn dieser großen Organisation,  meine Herren? Er besteht darin, daß unschuldige Personen verhaftet werden und gegen sie ein sinnloses und meistens, wie in meinem Fall, ergebnisloses Verfahren eingeleitet wird.“
 „Der Prozess“ von Franz Kafka

Der Februar im Filmarchiv Austria stand im Zeichen der Arbeiten eines der bedeutendsten europäischen Regisseure der Gegenwart, Sergei Loznitsa. Am 20. Februar fand im Metro Kinokulturhaus die Wiener Premiere seines Films „Zwei Staatsanwälte“ statt.

Brjansk, 1937. Der junge Staatsanwalt Kornev (Alexander Kusnezow) erhält einen mit Blut geschriebenen Brief des alten Bolschewiken Iwan Stepniak (Alexander Filippenko), der im Gefängnis von Brjansk einsitzt. Kornev macht sich auf den Weg dorthin, um der Sache auf den Grund zu gehen.

Auf der Leinwand erschafft Loznitsa eine surreale Mischung aus einer kafkaesken Welt sinnloser, alles verschlingender Bürokratie, idealer sowjetischer Helden-Kommunisten und gogolischer Teufelei.

Kornev selbst scheint alten sowjetischen Filmen über die „gute Miliz“ entsprungen: lichtvoll, aufrichtig, fest überzeugt von den Geboten des Kommunismus und der Arbeiter-und-Bauern-Gerechtigkeit. Nicht einmal die Konfrontation mit der ausweglosen Realität eines sowjetischen Gefängnisses vermag seinen reinen Glauben zu erschüttern. Er wirkt wie ein edler Ritter, ein Lichtstrahl im dunklen Reich endloser, abgeschabter grüner Korridore und düsterer Übergänge, versperrt von zahllosen Türen.

Er ist ein Fremdkörper in einem reibungslos funktionierenden System der Gewalt, in Bewegung gesetzt von Menschen-Zahnrädern mit undurchdringlichen Gesichtern – so gleich aussehend, dass man irgendwann nicht mehr weiß, ob es ein und derselbe Mensch ist oder viele verschiedene. Die Bewohner dieser Welt – vom letzten Gefängniswärter bis zum Generalstaatsanwalt Wyschinski – beobachten das Leiden und Sterben der Häftlinge gleichgültig und fügen es ebenso gleichgültig zu. Doch es sind keine überzeugten Bösewichte. Sie sind – nichts; ihre Persönlichkeiten hat das System längst verschlungen und verdaut und nur leere Hüllen zurückgelassen – ohne Emotionen, ohne Gewissen, ohne eigene Überzeugungen.

Die andere Seite verkörpert der ehemalige Staatsanwalt Iwan Stepniak: ehrlich, prinzipientreu, ein wahrer Kommunist, der für seine Aufrichtigkeit gelitten hat. Doch irgendwann im Gespräch der beiden Staatsanwälte blitzt hinter dem Gesicht des zu Tode gefolterten, seinen Idealen treu gebliebenen Stepniak das listige Antlitz von Wolands Begleiter Fagott auf – und plötzlich wird klar, wohin all die schönen Absichten und erhabenen Ideale führen.

Alexander Filippenko erscheint im Film ein zweites Mal, in einer Episodenrolle als alter Soldat – als gogolischer Hauptmann Kopeikin, der einst in Petersburg bei den Generälen nach Wahrheit suchte. Diese literarische Brücke, geschlagen vom zaristischen Russland über den sowjetischen Sumpf bis in die Gegenwart, scheint jede Hoffnung zu ersticken. Entmenschlichende Bürokratie, Schleimerei, Ungerechtigkeit, Folter – so war es, so ist es, so wird es immer sein. Und ebenso wie Josef K. in Kafkas „Prozess“ wird auch Kornev von zwei Herren im Gehrock abgeführt.

Und dennoch hinterlässt der Film keinen Nachgeschmack der Hoffnungslosigkeit. Wenn man das Kino verlässt, glaubt man daran, dass immer wieder Idealisten auftauchen werden, die es wagen, den Drachen herauszufordern – auch wenn es aussichtslos erscheint. Wichtig ist nur, am Ende nicht selbst zum Drachen zu werden.